Rücktritt vom Verlagsvertrag bei Vorlage eines nicht vertragsgemäßen Manuskripts

Ob ein Manuskript vertragsgemäß ist, richtet sich nach den im Verlagsvertrag festgelegten Vereinbarungen. Diese können auch inhaltliche Vorgaben enthalten. Der Verfasser verstößt auch dann gegen die inhaltlichen Vorgaben, wenn er die von ihm aufgestellten Thesen in seinem Manuskript nicht schlüssig und widerspruchsfrei darlegt. Hierzu ein älteres Urteil des Landgerichts München I vom 31. Oktober 2006 (21 O 24353/04, ZUM-RD 2007, 313).

Worum ging es?

Ein Sachbuchautor schloss mit einem Verlag einen Verlagsvertrag mit einem Vorschuss in Höhe von 10.000 €. Grundlage für den geplanten Titel »ADAC – DER HEIMLICHE SIEGER« war ein Exposé. Ausweislich dessen, insbesondere des Thesenpapiers, sollte in dem zu schreibenden Buch dem ADAC eine hervorragende wirtschaftliche Verfassung attestiert werden.

Mit Vertragsschluss überwies der Verlag dem Autor die erste Hälfte des Vorschusses. Im Laufe der Zeit (der Fall ereignete sich 2004) wurden von Zeitungen Missstände im Management und Wirtschaften des ADAC aufgedeckt. Der Autor änderte daraufhin seine Thesen, nun war keine Rede mehr von einem glänzend dastehenden ADAC. Das schließlich abgegebene Buchmanuskript trug den Titel »ADAC – Die heimliche Macht der Gelben Engel«.

Der Verlag teilte daher seinem Autor mit, dass das Manuskript seinen Erwartungen nicht entspreche und so nicht auf den Markt gebracht werden könne. Der Verlagsleiter schrieb dem Autor unter anderem:

Nach dem ursprünglichen Exposé sollte es ein Buch werden, das das „Erfolgsgeheimnis ADAC“ darstellt und analysiert. In der Folge bekamen wir dann von Ihnen Signale, dass sich die These vom „ADAC als Erfolgsstory“ so nicht halten lasse. Sie schlugen vor, das Buch in Richtung „Der ADAC als Sanierungsfall“ zu positionieren, […]. Das Buch sollte nun ein „Aufdeckerbuch“ werden, also ein investigatives Sachbuch, in dem Missstände, Fehlentwicklungen und Management-Pannen beim ADAC schonungslos enthüllt und angeprangert werden. […]

Nun haben Sie uns Ihr Manuskript geschickt, wir haben es gelesen und müssen feststellen, dass es diese Bedingungen nicht erfüllt: Es fehlt die klare argumentative Linie und der inhaltliche Fokus, es fehlt die griffige These, es fehlt vor allem an wirklich brisantem und auch beweiskräftigem Belegmaterial. Das alles sind aber für typische „Aufdeckerbücher“ unerlässliche Bestandteile, die sich auch nicht durch eine Lektoratsbearbeitung nachträglich einfügen lassen.

Wir können das Buch so auf keinen Fall veröffentlichen: […].

Der Autor klagte vor dem Landgericht München auf Veröffentlichung des Buches und Zahlung des restlichen Vorschusses, der Verlag verlangte den bereits gezahlten Vorschuss zurück.

Was sind Mängel eines Sachbuchs?

Das Landgericht urteilte, dass der Kläger weder einen Anspruch auf Zahlung von EUR 5.350,00, noch auf Veröffentlichung des Manuskripts hat. Das vom Kläger abgelieferte Manuskript sei nicht vertragsgemäß, da es nicht den im Verlagsvertrag festgelegten Vereinbarungen entspreche.

Das Landgericht erkannte zwar an, dass dem Rügerecht des Verlegers gegenüber inhaltlichen Mängeln des Werkes Grenzen gezogen sind. Denn Mängel der Qualität, also der wissenschaftlichen, künstlerischen oder literarischen Güte eines Werkes, kann der Verleger regelmäßig nicht rügen. Sind in einem Verlagsvertrag aber bestimmte Eigenschaften eines Werkes zwischen Verleger und Verfasser ausdrücklich vereinbart worden oder nach dem Zweck, den das Werk erfüllen soll, als stillschweigend vereinbart anzusehen, kann der Verleger das Werk, soweit es diese Eigenschaften nicht aufweist oder diesem Zweck nicht entspricht, als nicht vertragsmäßig beanstanden.

Das Gericht  hat das Manuskript anscheinend auch gelesen, denn es legt ebenfalls – wie bereits der Beklagte – dar, dass es dem Kläger nicht gelinge mit dem Manuskript, die Richtigkeit der von ihm aufgestellten Thesen schlüssig und widerspruchsfrei darzulegen. Ein Auszug aus dem „Lektorat“ durch die Richter.

Das Gerede vom substanzstarken Verein ist entgegen der Ansicht des Klägers auch nicht deshalb eine subtile Form der Ironie, weil – wie der Kläger ausführt – sich Immobilieninvestments aufgrund des einsetzenden Wertverfalls nicht lohnten. Der Kläger stellt ein Immobilienvermögen von sage und schreibe 2 Mrd. EUR fest und damit ohne Wenn und Aber eine bestehende und starke wirtschaftliche Substanz. Angesichts dieser die wirtschaftliche Stärke des ADAC belegenden Zahlen mag sich das Lektorat der Beklagten durchaus mit Recht gefragt haben, ob so ein Sanierungsfall aussieht. Zutreffend geht die Beklagte nämlich davon aus, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemeinhin existenzbedrohende Ausmaße angenommen haben, wenn von einem Sanierungsfall die Rede ist. Das Lektorat durfte sich angesichts dieser Beschreibung der wirtschaftlichen Verhältnisse des ADAC auch über die Einschätzung des Klägers im Schlusskapitel gewundert haben, wonach sich die wirtschaftlichen Verhältnisse des ADAC in der jüngeren Vergangenheit erheblich verschlechtert haben sollen. Was stimmt denn nun?

Die Richter schließen

Es fehlt nach allem in der Tat – quasi von vorne bis hinten – an einer klaren argumentativen Linie im Sinne des Thesenpapiers. Dies gilt gleichermaßen – wie von der Beklagten zutreffend ausgeführt – etwa auch für die das Lobbying betreffende These. Dem Manuskript ist deutlich anzumerken, dass der Kläger – wohl aufgrund kritischer Presseberichterstattung zum ADAC – innerhalb kürzester Zeit die Ausrichtung seines Werkes wie ein Fähnlein im Wind um 180° drehen musste. Dabei sind offenbar in erheblichem Maße Restbestände der einstmals geplanten positiven Würdigung des ADAC im Manuskript verblieben, die sich dort so gar nicht damit vertragen wollen, dass seit dem 5. August 2004 in punkto ADAC auf einmal alles schlecht sein sollte.

Aufgrund des wirksam erklärten Rücktritts hatte der Autor im Übrigen auch den ersten Teil des Vorschusses zurückzuerstatten.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen
Close Panel